Bildkomposition (Tutorial)

Wie setze ich mein Bild / meine 3DGrafik in Szene?
Ein Tutorial von Immanuel Günther

Fotografen, Zeichner, Maler und 3DGrafiker haben eines gemeinsam: Sie suchen bei ihren Bildern stets nach der perfekten Bildkomposition. Die Motive und künstlerischen Anliegen mögen sich sehr voneinander unterscheiden, das Bildformat jedoch ist üblicherweise rechteckig und somit für alle eine gleiche, recht strikte Vorgabe.

Innerhalb dieses Bildformats soll etwas geschehen, was mit dem Betrachter in Interaktion tritt. Der Betrachter soll überrascht und gefesselt werden. Er soll sich eingeladen fühlen, das Bild zu erkunden und vielleicht auch seine Phantasie schweifen zu lassen. Er soll das Hauptmotiv und eventuelle Nebenmotive als solche erkennen und dies am besten in der richtigen Reihenfolge. Und wenn er dann das Bild „erforscht“ hat, wäre jeder Künstler darüber glücklich, wenn der Betrachter das Bild als etwas „Besonderes“ in Erinnerung behält.

Was kann ein Künstler also tun, um all das zu erreichen?

Es gibt einen Kanon an Gestaltungsregeln und -methoden der Bildkomposition, die die Chance erhöhen, dass der Betrachter ein Bild interessant, betrachtenswert und fesselnd findet. Es reicht meist schon, wenn man nur zwei, drei dieser Regeln beachtet und miteinander kombiniert, um ein wirklich ausgezeichnet komponiertes Bild zu erzielen.

Die Gestaltungsregeln und -methoden im einzelnen:

1. Das richtige Bildformat
2. Hauptmotiv Nebenmotiv
3. Farben

– Die richtige Farbwahl
– Farbkontraste

– Das Zusammenspiel der Farbkontraste

4. Bildstrukturierung
– Der goldene Schnitt
– Drittel-Regel
– Dreieckskomposition
– Kreuzkomposition / ikonische Präsentation
– L-Komposition
– Fokussierung durch Perspektive


5. Vordergrund Hintergrund
6. Tiefenunschärfe
7. Schräge Kamera/schräger Bildausschnitt
8. Die drei Stufen der Details


1. Das richtige Bildformat

Viel Auswahl gibt es beim Bildformat eigentlich nicht, solange man beim üblichen rechteckigen Bildrahmen bleiben möchte. Die Frage ist also:
Hochformat oder Querformat?
Und es lohnt sich, hierbei bereits zu wissen, welche Wirkung man mit seinem Bild erzielen möchte. Denn das Querformat und das Hochformat haben unterschiedliche Einsatzgebiete und überdies auch unterschiedliche Wirkungen auf den Betrachter.

Querformat:

Das Querformat entspricht mehr unserem Seh-Eindruck, bzw. dem menschlichen Blickfeld und erscheint daher natürlich. Aus diesem Grund hat sich das Querformat in Film und Fernsehen durchgesetzt und wird von den meisten Fotografen und Künstlern bevorzugt.

Das Querformat betont horizontale Linien, wirkt weit und ruhig. Es eignet sich daher sehr gut für Landschafts-Darstellungen und ausgeglichene Bildkompositionen, für Fernes und Zeitloses.

Sehr breite Querformate nennt man Panorama. Das Panorama-Format steigert die Wirkungen des Querformates nochmal. Es eignet sich für Szenarien, die aus der Handlung gerissen, frei von Zeit und ewig gültig wirken dürfen oder sollen. Man stelle sich ein Panorama einer Prärie-Landschaft mit einem einsamen Cowboy am Rand vor. Dieses Bild würde uns zwar nichts über den Cowboy erzählen, wäre aber wunderbar geeignet, um eine Stimmung zu vermitteln: „Das ist der wilde Westen!“

Hochformat:

Für spannungsgeladene Bilder eignet sich das Hochformat meist besser als das Querformat. Die Dynamik lässt sich hierbei nicht nur durch die Bildinhalte und die Komposition innerhalb des Formates beeinflussen, sondern wird bereits allein durch das Format unterstützt. Die vertikale Ausrichtung wirkt mal instabil, unsicher, mal dominant, manchmal sogar bedrohlich oder dramatisch, gewiss aber nie langweilig. Und sie wirkt unmittelbarer und direkter als eine horizontale Komposition.

Das Hochformat betont vertikale Linien, unterstützt Motive, die Größe und Stärke ausstrahlen sollen, Bäume, Charaktere, Gebäude, Berge. In Kombination mit einer sehr ausgeprägten Perspektive eignet es sich zum Visualisieren von großen Höhen oder Tiefen, wie der Blick vom Grunde einer Schlucht hinauf oder an einer Felskante hinab. Und allein die Tatsache, dass es nicht so häufig genutzt wird wie das Querformat, macht es auffälliger.

Quadratisches Format:

Das quadratische Format ist besonders ausgeglichen und eignet sich für sehr harmonische und symmetrische Bild-Kompositionen. Auch auffällig inszenierte Einzelmotive können durch dieses Format zusätzlich betont werden. Im Vergleich zu Hoch- und Querformat ist es jedoch eher selten anzutreffen. Das liegt daran, dass das ausgeglichene Seitenverhältnis von 1:1 nicht die Dynamik der anderen Formate besitzt und somit für die Großzahl der Motive nicht in Frage kommt. Die meisten künstlerischen Kompositionen setzen auf Kontraste von Farben, Formen, Verteilungen und Helligkeiten, um den Bildinhalten Leben einzuhauchen. Das quadratische Format kann dies nicht weiter unterstützen, aber in vielen Fällen behindern, meist indem es den Gesamteindruck langweiliger, harmonischer, ruhiger wirken lässt als beabsichtigt.

2. Hauptmotiv, Nebenmotiv

Die meisten Bilder haben ein Hauptmotiv und viele Künstler versuchen ausschließlich, dieses geeignet in Szene zu setzen und machen sich wenig Gedanken darum, was sich im Rest des Bildes abspielt. Doch es kann sich lohnen, einem Hauptmotiv ein geeignetes Nebenmotiv an die Seite zu stellen. Auf diese Weise lässt sich einerseits das Hauptmotiv betonen und andererseits lädt das zweite Motiv dazu ein, mit den Blicken im Bild umherzuwandern. Erst wenn der Betrachter sich in einem Bild ein wenig umsieht, hat man als Künstler die Chance, etwas zu erzählen.

In der Bilderreihe rechts sieht man erst das Hauptmotiv, den gigantischen Wasserfall, allein gestellt, ohne Nebenmotive. Die Szene mag zwar gefallen, bleibt aber nichtssagend und wirkt leer. Im zweiten Bild befinden sich zwei Nebenmotive, eine Festung auf einer Insel im Wasserfall und ein Luftschiff. Man beginnt darüber nachzudenken, was das wohl für ein Gebäude ist, wer da wohnt und wer mit dem Luftschiff auf dem Weg dorthin ist. Man möchte die Verbindung zwischen den einzelnen Motiven verstehen. Die ersten erzählerischen Fragmente entstehen. Und genau das ist das Ziel solcher Nebenmotive. Sie sollen den Betrachter beschäftigen und dem Gesamtbld eine Handlung geben. Obwohl beide Nebenmotive nur wenig Platz einnehmen, wirkt das Bild völlig anders und keineswegs mehr leer.

Dieses Vorgehen eignet sich ganz besonders für jene, die Fantasy und Science-Fiction-Szenen malen oder erstellen. Sie wollen die Phantasie des Betrachters anregen und das gelingt am besten, wenn der Betrachter mehrere Motive betrachtet und gedanklich nach Verbindungen sucht, die sich erst durch eine Geschichte erklären.

Das schöne ist, dass der Betrachter gar nicht anders kann. Das Phänomen, das dahinter steckt, nennt sich Induktion. Besonders das Medium Comic spielt mit diesem Phänomen. Von Bild zu Bild verlangt es vom Betrachter eine Verbindung herzustellen. Dadurch  wird ein Comic erst zu einer Geschichte und der Betrachter zum Miterzähler.

Mit dem Beispiel links lässt sich dieses Phänomen verdeutlichen (Ein Ausschnitt aus dem Buch „Comics lesen lernen“ von Scott McCloud). Im ersten Bild sieht man einen Mann mit der Axt ausholen und einen anderen sich davor schützen. Im nächsten Bild sieht man eine Stadtsilhouette und einen Schrei. Als Betrachter scheint klar zu sein, dass der Mann mit der Axt den anderen umbringt. Doch gezeichnet wurde diese Handlung nie. Es ist der Betrachter selbst, der die Tat in seiner Fantasie geschehen lässt.

In der Sprache der Comics geschieht dieses Phänomen von Bild zu Bild. In der Komposition eines einzelnen Bildes dagegen braucht man dazu neben dem Hauptmotiv ein oder mehrere Nebenmotive. Im einfachsten Fall betonen sie das Hauptmotiv, stellen seine Bedeutung heraus, weil sie kleiner, unauffälliger sind. Darüber hinaus ermöglichen sie, ganze Geschichten anzudeuten. Das kann so weit gehen, dass ein einziges Bild dem Betrachter das Gefühl vermittelt, er kenne die ganze fantastische Welt, die dahintersteckt, mit all ihren Geschichten und Geheimnissen.

Wichtig ist jedoch, dass man vermeiden sollte, zwei gleichwertige Motive ins Bild zu bringen. Der Betrachter sollte auf jeden Fall zwischen Hauptmotiv und Nebenmotiv/en unterscheiden können. Es fällt ihm sonst schwer, die Prioritäten und „Erzählrichtungen“ eines Bildes schnell zu erkennen. Eine Ausnahme von dieser Regel sind Kampfszenen, in denen auch gleichwertige Haupt- und Nebenmotive nebeneinander stehen können.

3. Farben

Farben tragen ganz entscheidend zur Bildkomposition bei. Oft sind richtig gewählte Farbtöne und Farbkontraste anfangs der einzige Grund, warum der Betrachter überhaupt hinschaut. Hier gilt als Faustregel: Zu wenig unterschiedliche Farbtöne lassen ein Bild langweilig erscheinen, zu viele Farbtöne lassen es zu willkürlich und überfrachtet wirken. Beides kann verhindern, dass das Interesse des Betrachters geweckt wird. Grundsätzlich bietet sich daher an, den Großteil des Bildes mit zwei bis drei Farbtönen zu malen, die zueinander in einem bestimmten Verhältnis stehen. Weitere Farben sollten nur im Detail eingesetzt werden und dürfen nicht um die Herrschaft im Bild mitkämpfen.

Aber so einfach ist das Thema Farbe leider nicht. Die zuletzt genannte Regel ist zwar eine gute Richtlinie, geht aber nicht auf die vielen Möglichkeiten ein, die sich durch genauere Kenntnis der Farblehren ergeben. Daher gehen wir nun noch einen Schritt weiter und betrachten kurz die Farbkontrast-Lehre von Johannes Itten.

Die Sieben Farbkontraste behandeln die einige der wichtigsten Aspekte der Wirkungen von Farben. Farben beeinflussen sich in hohem Maße gegenseitig und sind voneinander abhängig.

Hell-Dunkel-Kontrast:

Damit bezeichnet man den Kontrast, der durch die unterschiedliche Farbhelligkeit zweier Farben entsteht. Ein starker Hell-Dunkel-Kontrast erzeugt einen plastischen Eindruck, da helle Farben nach Vorne streben und dunkle eher in den Hintergrund zurücktreten. Außerdem ermöglicht dieser erst klare Abgrenzungen zwischen einzelnen Formen. Ohne Hell-Dunkel-Kontrast wäre ein Bild ziemlich blass und uninteressant. In der Malerei von der Renaissance bis zur Romantik war dieser Kontrast in vielen Werken das auffälligste Stilmittel. Bewusst hat man mit sehr dunklen Tönen gemalt um dann das Hauptaugenmerk im Bild auf helle Details zu lenken, die regelrecht aus der Tiefe hervorsprangen.

Kalt-Warm-Kontrast:

Die meisten Menschen empfinden die Farben Rot und Orange als warm und die Farben Blau und Grün als kühl oder kalt. Diese Assoziation ist jedoch nichts „esoterisches“, sondern beruht auf Erfahrungen, die jeder von uns kennt. Kaum etwas Blaues in unserer Umgebung ist heiß, und nur selten irgendwas Rotes eiskalt.

Ein Kalt-Warm-Kontrast entsteht durch nebeneinander stellen unterschiedlich warm wahrgenommener Farben. Die stärksten Kontraste wären demnach Blau zu Orange sowie Grün zu Rot.

Besonders augenscheinlich ist dieser Kontrast im Bild Links. Die Essigbaumfrucht steht mit ihrem knalligen Rot den kalten Farben des Rauhreifs gegenüber. Man glaubt, sie würde sich warm anfühlen, wenn man sie berühren könnte.

Der Kalt-Warm-Kontrast bietet sich für Landschaften an, da zur Ferne hin sich alles nach Blau verschiebt und Nahes gerade bei Sonnenschein von eher warmen Farben dominiert wird.

Auch bei Innenräumen ist ein Kalt-Warm-Kontrast sinnvoll, um den Raum ausgewogen und einladend erscheinen zu lassen. Und in der Werbung wird dieser Kontrast besonders massiv eingesetzt um verschiedenste Suggestionen zu erzeugen. Von allen Farbkontrasten wird der Kalt-Warm-Kontrast vom Betrachter wohl am intensivsten empfunden und ermöglicht somit sehr interessante Bildwirkungen.

Farbe-an-sich-Kontrast:

Dieser Kontrast bezeichnet den Unterschied zwischen den einzelnen Farbtönen an sich. Desto reiner und ungetrübter die unterschiedlichen Farben in einem Bild sind, umso stärker ist dieser Kontrast.

Die Farben Gelb-Rot-Blau bilden zueinander den stärksten Farbe-an-sich-Kontrast. Dieser Kontrast ist sehr plakativ und fällt leicht auf. Daher findet er sich von der mittelalterlichen Buchmalerei bis hin zu modernen Superhelden-Comics überall dort, wo man hinschauen soll. Er ist ein einfaches grafisches Mittel, um das Dargestellte regelrecht ins Auge des Betrachters zu pushen.

Gute Beispiele sind die Logos von Google und Ebay. Man kann ihre poppigen Farben kaum übersehen und behält sie dadurch auch leicht in Erinnerung.

Qualitätskontrast (Intensitätskontrast):

Dies bezeichnet den Kontrast, der zwischen intensiven, gesättigten Farben und trüben, gebrochenen Farben entsteht.

Die Luftperspektive ist dafür ein gutes Beispiel. Nahes wirkt immer farbintensiver als Fernes. Durch Nutzung dieses Kontrastes lässt sich also Räumlichkeit und Ferne erzeugen. Gleichzeitig lässt sich durch diesen Kontrast der Betrachter auf die intensivere Farbe fokussieren. Außerdem trägt ein ausgeprägter Intensitätskontrast sehr stark zur Stimmung eines Bildes bei, insbesondere in Verbindung mit dem Kalt-Warm-Kontrast.

Quantitätskontrast:

Der Quantitätskontrast beruht auf der Gegenüberstellung verschieden großer Farbflächen. Desto stärker der Größenunterschied zweier Farbflächen ist, umso mehr dominiert die großflächigere Farbe, aber gleichzeitig wird die weniger verwendete Farbe umso stärker fokussiert, insbesondere wenn sie gleich intensiv oder intensiver als die großflächige Farbe ist und damit eventuell zusätzlich ein Qualitätskontrast besteht.

Qualitäts und Quantitätskontrast ergeben gemeinsam ein mächtiges Werkzeug, um in einem Bild Motive herauszustellen, einzelnes zu fokussieren und Stimmung zu erzeugen.

Komplementär-Kontrast:

Gemeint ist hier der Kontrast zwischen Farben, die sich im Farbkreis (Bild) gegenüber stehen, also Blau-Orange, Grün-Rot, Gelb-Lila. Dieser Kontrast in einem Bild verwendet, schafft Aufmerksamkeit. Die Farben verstärken sich gegenseitig und erzeugen Spannung im Bild. Gleichzeitig wird ein Bild mit komplementären Farben als sehr ausgewogen Wahrgenommen. Wenn ein Bild von einer Farbe dominiert wird, empfindet der Betrachter es als eintönig, wenn Farbtöne nahe dem Komplementären komplett fehlen. Fügt man sie hinzu, verändert sich die Bildwirkung massiv. Ein kleiner Farbtupfer Rot in einem ansonsten grünen Bild, wie zum Beispiel eine einzelne Blüte in einem Blättermeer, wird zum bestimmenden Element. Eine weitere Technik, die zum Hervorheben bestimmter Bildinhalte geeignet ist.

Simultankontrast:

Diesen wollen wir hier nicht weiter betrachten, da er für die Bildkomposition nur eine untergeordnete Rolle spielt. Wer Interesse daran hat, mag sich in Wikipedia darüber informieren.

Das Zusammenspiel der Farbkontraste:

Zusammengenommen ergibt das Wissen über die verschiedenen Farbkontraste eine Vielzahl an Möglichkeiten. Mit der richtigen Farbtonwahl, Farbintensitätswahl und Farbhelligkeitswahl und den daraus resultierenden Kontrasten, lassen sich unzählige Effekte, Stimmungen, Betonungen und sonstige Wirkungen in einem Bild erzeugen. Selbst ein oberflächliches Anschneiden dieser Möglichkeiten würde den Rahmen dieses Tutorials sprengen. Daher lohnt sich mit dem Wissen um die Farbkontraste mehr als nur einen flüchtigen Blick auf die Bilder anderer Künstler zu werfen und sie zu analysieren. Ob bewusst oder unbewusst vom Künstler eingesetzt, fast jedes Bild nutzt mindestens ein oder zwei der sieben Farbkontraste deutlich und bezieht einen Großteil seiner Wirkung auf den Betrachter daraus. Darüber hinaus gibt das gezielte Nutzen der Kontraste in eigenen Bildern sehr schnell ein Gefühl für die Vielzahl der kompositorischen Möglichkeiten und mit etwas Übung weiß man dadurch bereits in der Konzeptionsphase, welche Kontraste bevorzugt zum Einsatz kommen sollten.

4. Bildstrukturierung:

Unter Bildstrukturierung versteht man die Aufteilung des Bildformates in einzelne Bereiche als Maßgaben für die Verteilung von Motiven und Bildinhalten. Eine geschickte Bildstrukturierung ermöglicht es dem Künstler ebenfalls, seine Motive wirkungsvoll in Szene zu setzen.

Goldener Schnitt:

Bereits in der Antike entdeckt und eingesetzt, gilt der goldene Schnitt als Maß für Harmonie, Stabilität und Perfektion. Er eignet sich daher ideal, um die Verteilung von Bildmotiven innerhalb eines Bildes und die Maße zeichnerisch erdachter Gebilde zu bestimmen, insbesondere, wenn man eine ausgewogene und vom Betrachter als „schön“ und „stimmig“ wahrgenommene Bildkomposition anstrebt.
Der goldene Schnitt ist im Grunde ein ganz einfaches mathematisches Verhältnis zweier Zahlen oder Größen und beträgt in etwa 1 zu 1,618. Wer es genauer möchte, der führe folgende Reihe soweit wie gewünscht:

2/3, 3/5, 5/8, 8/13, 13/18,…
(Der Zähler des nächsten Bruchs ist immer der Nenner des vorhergehenden Bruchs und der Nenner des Nächsten Bruchs ergibt sich aus der Quersumme von Zähler und Nenner des vorangegangenen Bruchs)

Verwenden kann man dieses Verhältnis überall in einem Bild, wo sich ein solches Verhältnis unterbringen lässt: Aufteilung des Bildformates, Maße von gezeichneten Gebäuden und Strukturen, usw…



Aber: Wer Spannung in einem Bild will, sollte den goldenen Schnitt nur mit Vorsicht verwenden, da er oft eher einen harmonischen, ausgeglichenen Eindruck beim Betrachter hervorruft. Das Bild oben könnte noch wesentlich dynamischer komponiert sein, wenn es in ein, zwei entscheidenden Bildbereichen vom goldenen Schnitt abweichen würde.

Die Drittel-Regel:

Die meisten Betrachter empfinden zentral im Bild platzierte Motive langweilig. Vergleicht man die beiden unteren Bilder, so wirkt das rechte wesentlich dynamischer und im Auge der meisten Betrachter auch interessanter, da der Baum nicht zentral im Bild steht, sondern links mehr Platz für einen Einblick in die Landschaft dahinter lässt. Der Baum, ist sowieso das unbestrittene Hauptmotiv, daher ist es überhaupt nicht nötig, ihn zusätzlich ins Zentrum zu rücken.



Die Drittel-Regel ist eine vereinfachte Anwendung des goldenen Schnitts. Wenn man ein Bild durch zwei senkrechte und zwei waagrechte Lilien in neun gleichgroße Felder unterteilt, so erhält man vier Schnittpunkte entlang dieser Linien. Diese Punkte und die Linien eignen sich ganz besonders als Positionen für Haupt- und Nebenmotive.

Hier platziert erschaffen sie ein gutes Spannungsverhältnis innerhalb des Bildformates.

Man sollte dabei darauf achten, dass man Nebenmotive nicht unbedingt auf einem Schnittpunkt platziert, wenn man einen anderen für das Hauptmotiv verwendet hat, sondern besser zwischen diesen auf einer der Linien. Denn sonst treten die Nebenmotive mit dem Hauptmotiv eventuell zu sehr in Konkurrenz.
Die Horizontalen Linien eignen sich übrigens sehr gut für den Horizont einer Landschaft.

Ob man nun die rechten Schnittpunkte oder die linken verwendet, hängt ein wenig davon ab, welche Wirkung man erzielen will. Der Betrachter tendiert dazu, ein Bild von links nach rechts zu „lesen“. Gerade bei erzählerischen Inhalten eines Bildes sollte man auf so etwas achten und die gewünschte Betrachtungsfolge diesem Verhalten anpassen. Schiffe, die zum Beispiel von Links nach Rechts ins Bild hineinfahren, scheinen aufzubrechen, während die entgegengesetzte Komposition wie eine Heimkehr wirken kann.

Die Dreieckskomposition:

Die Dreieckskomposition ist eine sehr klassische Gestaltungsregel. Das Hauptmotiv wird nach dieser Regel so im Bild gestaltet, dass es ein Dreieck aufspannt. Diese Komposition erzeugt ein sehr stabiles, in sich ruhendes Bildgefüge. Besonders häufig wurde sie in der Kunstgeschichte für Stillleben verwendet. Auch Figurengruppen in religiösen oder ikonischen Bildern wurden oft nach dieser Regel gestaltet. Wer eine ruhige, in sich geschlossene Darstellung sucht, greift gerne zur Dreieckskomposition. Spannung und Dynamik fördert sie jedoch eher nicht.

Kreuzkomposition / Ikonische Komposition:

Wenn man das Bildformat (besonders bei Hochformat) durch ein Kreuz unterteilt und sein Motiv und den Hintergrund danach ausrichtet, erhält man die sogenannte Kreuzkomposition. Sie hat eine stabile Wirkung und gibt dem an sich recht dynamischen Hochformat mehr Ruhe. Die Kreuzkomposition eignet sich sehr gut für die Darstellung von einzelnen Charakteren oder einer eher symbolhaften Darstellung eines Themas.

Eine Weiterführung der Kreuzkomposition ist die ikonische Komposition. Ihr liegt die Idee zugrunde, dass bei manchen Bildinhalten das Hauptmotiv eben doch ins Zentrum gehört und sich der Hintergrund daran orientiert, indem er stark symmetrisch aufgebaut ist. Es ist eine besonders strenge Ausführung der Kreuzkomposition. Sie eignet sich ebenfalls für Charaktere, insbesondere wenn man ihnen noch eine bedeutungsvolle, vielleicht auch heldenhafte, heilige oder symbolische Aura verleihen möchte.

Beide Kompositionsformen sind nicht so „erzählerisch“, wie Bilder, die mit Haupt und Nebenmotiv angelegt sind und sich nach der Drittel-Regel richten, wirken dafür aber sehr beherrschend und oft auch imposant.

L-Komposition

Die L-Komposition teilt ein Bild so auf, dass sich der größte Teil des Bildinhalts innerhalb einer gedachten L-Form ausbreitet, so dass eine Ecke des Formates im wesentlichen frei bleibt.
Wenn man nun in diesem freien Bereich ein Motiv platziert, wird die Aufmerksamkeit des Betrachters darauf gelenkt. Der restliche Bildinhalt stellt also eine Art Rahmen für das Motiv dar. Das eignet sich besonders gut, wenn man auf sehr kleine, aber wichtige Motive aufmerksam machen möchte. Im Bild rechts ist die Stadt im Hintergrund nicht besonders auffällig. Sie liegt träge und dunstbedeckt am Horizont. Aber der bunte Vorgergrund spannt einen L-förmigen Rahmen auf, der den Blick auf die Stadt lenkt.

Fokussierung durch Perspektive:

Ein weiterer Weg, wie man auf bestimmte Motive in seinem Bild hindeuten kann, ist die Perspektive. Ganz besonders mit einer ausgeprägten, deutlich erkennbaren Fluchtpunktperspektive lässt sich die Blickrichtung und Aufmerksamkeit des Betrachters lenken.

Auch so kann man auf sehr kleine Motive fokussieren. Außerdem lässt sich durch ausgeprägte Fluchtpunktperspektive die Wirkung von Bewegung und Dynamik in einem Bild erzeugen.

5. Vordergrund / Hintergrund:

Bei Bildern mit einer großen Weite (Landschaftsbilder, Stadtszenen, Große Räume, Weltall) besteht die Gefahr, dass die gesamte Szene ruhig wirkt und der Betrachter sie nur mit Abstand wahrnimmt. Wenn man einen Betrachter in solch ein Bild hineinziehen will, braucht man ein wirksames Motiv im Vordergrund, dass den Blick sozusagen ins Bild hinein lenkt und ein heraus stechendes Motiv im Hintergrund, damit der Raum dazwischen glaubwürdig aufgespannt wird und der Betrachter einen „Blick-Pfad“ ins Bild hinein findet.

Das ist ganz besonders wichtig, wenn der Raum oder die Landschaft keine gewohnten Elemente hat, wie das vor allem in Science-Fiction-Bildern oft der Fall ist. Mehrere Bäume in einem Bild können die Dimensionen einer Landschaft sehr deutlich machen. Aber wenn es sich z.B. um einen riesigen Raumhafen mit Raumschiffen handelt, ist es viel schwieriger, vertraute Elemente einzubauen, die ein Gefühl für den Maßstab vermitteln. Dann ist es sinnvoll, zum Beispiel ein Raumschiff sowohl im Vordergrund als auch weit weg im Hintergrund darzustellen. Dadurch dass es im Hintergrund viel kleiner ist und man es im Detail vom Vordergrund her kennt, bekommt man ein Gefühl für die Dimensionen des gesamten Raumes.

Außerdem sollte man die bereits oben genannten Farbkontraste (Qualitätskontrast, Kalt-Warm-Kontrast) im Auge behalten, wenn man Vordergrund und Hintergrund in ein stimmiges Verhältnis zueinander bringen will.

6. Tiefenunschärfe:

Die Tiefenunschärfe ist ebenfalls ein Mittel, um den Betrachter auf ein Motiv zu fokussieren. Um genau zu sein, ist sie eine Folge des Fokussierens, und zwar in der Fotografie. Wenn man mit einem starken Zoom (und großer Blende) fotografiert und auf ein Motiv fokussiert (scharfstellt), wird alles was deutlich weiter weg oder näher ist, unscharf dargestellt. Fotografen nutzen diesen Effekt, um das wichtigste in ihrem Bild zu betonen. Ein fokussiertes Motiv hebt sich aus der unscharfen Umgebung ab.

Inzwischen ist die fotografische Tiefenunschärfe als kompositorisches Mittel so beliebt, dass auch 3D-Grafiker darauf zurückgreifen, obwohl die virtuelle Kamera eines 3D-Programms in der Regel gar keine Tiefenunschärfe bei hohen Zoom-Werten verursacht, womit sie der echten Kamera eigentlich überlegen ist 🙂

Man sollte Tiefenunschärfe vorsichtig und nicht zu stark einsetzen. Schnell wirkt das nach fotografischem Einheitsbrei. Es sieht halt so gut aus, und deswegen nutzt es jeder!


7. Schräge Kamera / schräger Bildausschnitt:

Ein weitere einfache Gestaltungsmethode ist die schräge Kamera / der schräge Bildausschnitt. Es ist ebenfalls eine Methode, die von vielen gerne verwendet wird, weil sie fast automatisch Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch man sollte sie nur dann verwenden, wenn sie auch sinnvoll für den Bildinhalt ist. Ein schräger Bildausschnitt fügt dem Bild ein wenig „Drama“ hinzu. Alles wirkt bewegt, angespannt. Der Betrachter bekommt das Gefühl, Teil der „Action“ zu sein.

Wenn das Bild nicht dazu passt, wirkt die Anwendung der schrägen Kamera aufgesetzt und arg bemüht, des Betrachters Interesse zu wecken. In diesem Fall, Hände weg von der schrägen Kamera!


8. Die drei Stufen der Details:

Noch ein paar Worte zum Thema Details im Bild. Gerade 3D-Grafiker, Fantasy- und Science-Fiction-Künstler stehen immer wieder vor der Aufgabe, ihre Motive oder Bilder mit Details auszustatten, damit sie echter wirken, damit ihre Dimensionen besser abschätzbar sind und damit das Betrachterauge auch nach dem ersten Eindruck weiter beschäftigt bleibt.

Hierzu gibt es die Richtlinie der drei Stufen der Details: Grobe Grundformen, feinere Unterteilungen dieser Grundformen und Details innerhalb der Unterteilungen bilden ein Zusammenspiel, dass Motive und Objekte greifbar und vorstellbar macht und je nachdem, woraus die Details bestehen, auch die Dimensionen erläutert.

Es ist dabei logischerweise sinnvoll, die Stufen in der richtigen Reihenfolge durchzuarbeiten. Man beginnt mit den groben Grundformen und sollte sich mit ihnen besonders viel Zeit lassen. Denn allein die Grundformen können dem Bild schon seine Kompositorische Grundlage geben, die man bei den nächsten Schritten nicht mehr verlieren kann. Frei nach dem Motto: „Steht erst einmal das Gerüst, ist alles andere ein Kinderspiel!“

Die Stufen Zwei und Drei fügen dann den Grundformen allmählich Details hinzu, bis ein glaubwürdiges Endergebnis erzielt wurde. Dabei ist es nicht nötig, die Grundformen komplett mit Unterteilungen zu überziehen und diese wiederum vollständig mit kleinen Details zu füllen. Es reicht vollkommen, wenn man dies nur in Teilen tut. Hier gilt die alte Regel „ein Teil steht fürs Ganze“. Wenn man z.B. bei einem Raumschiff an einigen Stellen kleine Details erkennen kann, reicht das für den Betrachter aus, um die Proportionen des Schiffes einschätzen und auf die verborgenen Details im Inneren schließen zu können.

Zusammenfassung:

Aus all diesen Gestaltungsmethoden kann man sich für jedes neue Bild, dass man im 3D-Programm entwirft, mit der Kamera schießt, oder auf Papier zeichnet, jene heraussuchen, die die persönlichen künstlerischen Motive unterstützen und hervorheben. Diese Methoden haben sich millionenfach bewährt und werden dies auch in der Zukunft tun. Als Übung empfiehlt es sich, sich einzelne Kompositorische Regeln heraus zu greifen und jeweils bei einem neuen Projekt einzusetzen.

Und noch etwas:

Alle genannten Regeln und Methoden sind bekanntlich dazu da, nicht beachtet und gebrochen zu werden. Sie sind kein Garant für ein gutes Bild und ohne sie sind ebenfalls grandiose Werke möglich. Man kann sie als Richtlinien nutzen, darf aber nicht ihr Sklave werden! Und manchmal ist die bewusste Missachtung solcher „Faustregeln“ der einzige Weg zu etwas ganz besonderem! Anders ausgedrückt, die künstlerische Entwicklung der letzten Jahrhunderte und das Aufkommen jeder neuen Stilrichtung und Ausdrucksform lässt sich auch als Geschichte des Regelbrechens lesen.

Ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesem Tutorial einige hilfreiche Ideen und Kompositionsregeln vermitteln konnte und würde mich freuen, wenn Sie bei Fragen, Anregungen und Kritik direkt hier im Anschluss einen Beitrag posten.

In diesem Sinne frohes Schaffen wünscht,
Immanuel Günther

5 Responses to Bildkomposition (Tutorial)

  1. Anonymous says:

    Super! mega hilfreich, vielen vielen Dank!

  2. André says:

    Schliesse mich der Meinung meiner Vorredner an. Für einen Anfänger in der Fotografie, der sich mit bildgestalterischen Regeln und deren Einsatz befassen möchte, stellt dieser Beitrag eine sehr gut erklärte Guideline mit dem nötigen Hintergrundwissen dar. Weiter so !

  3. ghost says:

    Gesucht und gefunden! Grandios, vielen Dank für dieses Tutorial! Vorallem die Ausführlichkeit ist Toll!

  4. Fliir says:

    Mal sehen, was mir noch so einfällt 🙂
    Danke für den Hinweis zum Fehler in der Zahlenreihe zum goldenen Schritt. 13/18 ist natürlich falsch.

  5. SaphireS says:

    Super Eklärungen Fliir, bitte unbedingt mehr von diesen Kunst-Theorie Tutorials! Thumbs up.

    Kleiner Fehler bei deiner Reihe: Das letzte Glied ist 13/21.

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